Glosse: Segeln

Segeln

Ich habe Formel 1 nie verstanden. Da fahren Autos im Kreis, man sieht die Männer am Steuer nicht, und über allem liegt das Geräusch eines sehr lauten, Synapsen zermürbenden Zahnarztbohrers. Dabei habe ich nichts gegen hohe Geschwindigkeiten; ich schaue anderen Menschen gerne dabei zu, wie sie Kopf und Kragen riskieren.

Deshalb bin ich dabei, wenn die deutschen Segler in der Bucht von Quingdao um Medaillen kämpfen. Ihren Flug über das Gelbe Meer werde ich nie nebenbei erreichen: Der Stahlpirat meiner Segelschule zeichnet sich weniger durch Schnelligkeit aus als durch die fast vollständige Unmöglichkeit, ihn zum Kentern zu bringen. Und statt durch optimalen Segeltrimm und Diätplan das Beste aus mir und meinem Boot herauszuholen, übe ich noch, mit den ständig drehenden Winden auf der Hamburger Außenalster fertig zu werden.

Doch ich kenne das Gefühl, wenn der Wind in die Segel greift, das Boot Fahrt aufnimmt, sich schräg

stellt und durchs Wasser schneidet. Das macht Spaß, auch noch auf Olympianiveau, und das sieht man den Seglern an. Keine verzerrten Gesichter wie beim Kugelstoßen, keine geschundenen Körper wie beim Marathon. Stattdessen Athleten, die über Deck tänzeln wie Bodenturner, perfekt abgestimmt wie Synchronschwimmer, die gleichmäßig trainierte Körper haben wie Turmspringer und mutig sind wie BMX-Fahrer.

Dazu spannende Kopf-an-Kopf-Rennen wie beim Sprint und kontemplative Phasen wie beim Curling: Segeln, der Sport, um alle anderen Sportarten zu ersetzen.

 

ZEIT ONLINE, 2008

 

 

 

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