Lange Strecke: Grönland

 

Grönland träumt. Von Reichtum durch Rohstoffe, von der endgültigen Unabhängigkeit von Dänemark. Doch die Jugendlichen, die diese Sehnsucht verwirklichen müssten, brechen die Schule ab, lassen sich treiben, verweigern jeden Ehrgeiz. Was hält sie auf? Ein Besuch in der Hauptstadt Nuuk

 

Was willst du in Nuuk, fragen sie mich, freundlich, aber ohne Verständnis. Nuuk ist doch nicht Grönland. Warum fliegst du nicht nach Norden? Nach Ilulissat an der Diskobucht, wo ein Gletscher ständig Eisberge ins Wasser kalbt, UNESCO-Weltnaturerbe. Nach Qaanaaq, wo die Männer den Narwal noch mit Kajaks jagen. In Nuuk darf man ja nicht einmal Schlittenhunde halten, sie sind zu laut, sie machen zu viel Dreck.

Nur kleine Eisberge verirren sich in die Buchten der Stadt, Häuser überziehen die seehundgrauen Felsen. Selbst die Mitternachtssonne scheint hier nicht, 300 Kilometer südlich des Polarkreises.

Grönlands Hauptstadt hat drei Ampeln, zwei Cafés, vier Kneipen, eine Diskothek, einen Königreichssaal der Zeugen Jehovas, ein Krankenhaus, die meisten der 4000 grönländischen Autos, eine Schwimmhalle, ein Kulturzentrum mit dem einzigen Kino der Stadt.

„Nuuk ist nichts, Nuuk ist langweilig“, sagt Minik Olsen.

„Ich bin ein Kleinstadtmädchen“, sagt Tukumminnguaq Olsen, „Nuuk ist mir ein bisschen zu groß.“

Minik und Tukumminnguaq sind nicht verwandt. Nachnamen sind hier ein europäischer Import wie das Gemüse im Supermarkt. Die Inuit bekamen sie von dänischen Kolonialherren und deutschen Missionaren, deshalb reihen sich im Telefonbuch, dünn wie ein Groschenroman, die Kielsens an die Fleischers, die Thomsens an die Møllers. Und dazwischen 3428 Olsens.

Wenn sie so sind wie alle Grönländer, dann haben die weiblichen Olsens eine Lebenserwartung von 73,6 Jahren, die männlichen von 68,5. Etwa 240 Olsens besitzen ein Auto, sie rauchen 2,2 Zigaretten am Tag. Ein Drittel wohnt in Nuuk. Sieben von zehn jugendlichen Olsens brechen die Schule spätestens nach der zehnten Klasse ab, zwei von hundert beginnen ein Studium. Tukumminnguaq Olsen, genannt Tuku, studiert Sozialwissenschaften, sie will Politikerin werden. Minik Olsen hat das Gymnasium geschmissen und jobbt im Supermarkt.

Was will ich in Nuuk? Ich will herausfinden, welche Zukunft vor der Generation dieser beiden Olsens liegt, die sich nie begegnet sind. Und ich merke bald: Sie scheint in den Händen von Frauen wie Tuku zu liegen. Tatsächlich aber hängt sie vor allem an Männern wie Minik.

 

Tuku ist 27 Jahre alt, Minik 20. Sie könnten erleben, wie die Träume wahr werden, die viele Grönländer träumen: endlich auch wirtschaftlich unabhängig zu werden von Dänemark. Das Drama des Klimawandels in eine Chance verwandeln, die unter dem schmelzenden Eis auftauchenden Rohstoffe bergen, Gold, Rubine, Eisenerz, Seltenen Erden, das Öl vor der Küste.

Alle, die an dieser Zukunft teilhaben wollen, kommen in die Hauptstadt. Die Explorationsfirmen, die Studierten, die Geschäftstüchtigen. Und auch Menschen wie Miniks Eltern, die sich Bildung für ihre Söhne wünschen, ziehen nach Nuuk, wo eines der vier Gymnasien steht und die Universität. Hier tagt das Parlament, hier arbeitet die Regierung, hier ist das einzige Einkaufszentrum. In Nuuk sind die Jobs.

Godthåb nannten die Dänen einst ihre Siedlung an der Westküste, „Gute Hoffnung“. Seit 1979 heißt die Stadt Nuuk, „Landspitze“. Aber voller Hoffnung ziehen die Grönländer noch immer her, 2000 in den letzten zehn Jahren. Die Stadt hat jetzt 17 000 Einwohner. Alle Träume Grönlands an einem Ort. Es müsste einfach sein, hier in die Zukunft des Landes zu schauen. Stattdessen ist sie so schwer vorherzusagen wie das Wetter von Nuuk. Oder das Verhalten seiner Bewohner.

An einem Junisonntag schneit es, dicke Flocken von schräg vorn, gebeugt stemmen sich die Menschen gegen den Wind. Zwei Tage später wärmt die Sonne die Cafébesucher vor dem Nuuk Center, eine Frau verkauft rosafarbene Blumen unter blauem Himmel. Winter und Sommer in diesem Jahr, sagen die Grönländer, stecken ineinander fest wie kopulierende Hunde.

Aber auch sie selbst scheinen zwischen Wärme und Kälte zu wechseln.

Ein Staffellauf, das größte Sportereignis des Landes. Aber niemand beachtet die Sportler, die durch die Stadt rennen. Keine Transparente, kein Publikum, keine Tröten. Im Ziel in der Sporthalle empfangen Teams und Familien mit jubelndem „Jiiiihh“ ihre Läufer. Ein Mann bricht erschöpft zusammen, ein Helfer kommt – und nimmt ihm den Staffelstab ab.

In Nuuk öffnen sich alle Türen, selbst ins Parlament kann jeder problemlos hineinlaufen. Die Menschen lächeln mich freundlich an, erzählen mir von Liebeskummer oder wie sie vor einer Prüfung ohnmächtig geworden sind. Und dann: rufen sie nicht mehr zurück. Verschieben, vertrösten, sagen ab.

Verschwinden wie die Stadt selbst, wenn der Nebel von der See hereinrollt.

Die beiden Olsens, die sich nie getroffen haben und auf so verschiedene Lebenswege gesetzt sind, haben zumindest eines gemeinsam: Sie sind bereit, mehr von sich preiszugeben.

Dann ist es leicht zu verstehen, was Tuku antreibt. Aber es bleibt schwer zu begreifen, was Minik zurückhält.

 

Die persönliche Statistik von Miniks Familie sieht so aus: Die Eltern, Kaalat und Simon, haben die Schule mit 16 Jahren verlassen. Seit damals, als er von seiner alkoholkranken Mutter abgehauen ist, arbeitet Miniks Vater mit seinen Händen. Gerade baut er Straßen für eine Rubinmine, das einzige Projekt, das Grönlands Träume ein wenig nähren kann im Moment.

Kaalat darf sich Pflegehelferin nennen, nach einem halben Arbeitsleben voller kleiner Jobs: Die Familie ist vor acht Jahren auch deshalb nach Nuuk gezogen, damit Mutter Olsen endlich einen Abschluss machen kann. Und für die Söhne, natürlich. Von ihnen hat Palleq, der Älteste, einen Gesellenbrief als Elektriker. Und Salik, der Jüngste, geht aufs Gymnasium. Sein Zwillingsbruder Malik hat die Schule abgebrochen so wie Minik.

In zwei Wochen werden jene aus Miniks Klasse, die durchgehalten haben, ihren Abschluss feiern. Auf dem Foto werden mehr Mädchen als Jungs in die Kamera lächeln, in hohen Stiefeln und perlenbestickten Pullovern, der Nationaltracht. Die weißen Schirmmützen auf dem Kopf, in die sie einander Grüße und Zukunftswünsche schreiben.

Und Minik sitzt bei seiner Mutter am Tisch und hört sich die immer gleiche Frage an: Wann geht er wieder zur Schule?

Er senkt den Kopf, seine Kiefer mahlen, wütend attackiert er das Essen, säbelt Hühnchen klein, schaufelt es sich in den Mund, schiebt die rutschende Brille die Nase hoch. Seine Stimme wird lauter. Warum lässt sie ihn nicht in Ruhe?

Er will eben nicht. Erst wenn er eine eigene Wohnung hat.

„Du kannst erst mal hier wohnen bleiben“, sagt die Mutter.

„Du willst mich nur kontrollieren“, antwortet Minik.

„Du wohnst hier noch, wenn ich 70 bin“, sagt Kaalat.

Es ist nicht Faulheit, die Minik von der Schule abhält. Sechs Tage die Woche steht er im Brugsen, dem Supermarkt. Verkauft Lottoscheine, Ibuprofen, Schnupftabak, Zigaretten, Alkohol.

12 000 Kronen verdient er im Monat, 1000 (rund 134 Euro) davon gibt er seiner Mutter für die Miete, den Rest spart er, für die Wohnung. Bevor er zur Schule zurückgeht, will er auf eigenen Füßen stehen.

Vielleicht ist das der richtige Instinkt.

 

Tuku sitzt im Kunstmuseum zwischen Ölschinken von Eisbergen und Vitrinen voller Tupilaks, aus Walzähnen und Knochen geschnitzten Talismanen. In ihrer Handtasche steckt Schokolade, das Geschenk einer dänischen Anthropologin, die sie interviewt hat zum Thema: erfolgreiche Frauen in Grönland.

Und ein schmaler Band mit dem fjordblauen Aufkleber der Universität von Grönland. Eine Studie: „Die unerklärlichen Selbstmorde der grönländischen Jugend“. Denn neben den 70 Prozent Schulabbrechern gibt es ja eine zweite, fatalere Statistik: Rund 200 Männer zwischen 15 und 24 bringen sich jedes Jahr um, einer von fünf grönländischen Jugendlichen hat es bereits versucht. Die Suizidrate ist mehr als fünfmal so hoch wie beispielsweise in Dänemark.

Als Tuku zwölf Jahre alt war, hat sich der erste ihrer Freunde getötet, 15 sind es bis heute. Sie fand das selbstsüchtig, und sie schwor sich, ihnen nicht nachzuweinen. Als ihre Großmutter starb, nach einer langen Zeit voller Schmerzen, konnte Tuku nicht trauern: „Ich wusste gar nicht, wie das geht“, sagt sie und schiebt das Kinn vor, so wie jedes Mal, wenn sie über etwas besonders Unangenehmes spricht.

Dass sich junge Männer umbringen, ist die schlimmste Form des Scheiterns. Tuku versucht sie sich zu erklären. Und wenn sie eine Antwort findet, dann kann sie vielleicht auch ein anderes, aber für die Zukunft ihres Landes genauso entscheidendes Problem erklären: Warum schaffen es Frauen wie sie an die Universität? Und warum verlassen Männer wie Minik die Schule?

Grönländische Jungs sind verwöhnt, sagt Tuku. Sie stehen hilflos vor Problemen mit den Lehrern, mit der Freundin. Mit wem sollen sie darüber reden?

Natürlich können Grönländer Gefühle zeigen. Auf der Tanzfläche im Takuss in bierdampfigen Freitagnächten, in der Godthåbhallen, wenn Grönlands Nationalspieler gegen den riesenhaften dänischen Handballtorwart einen unwahrscheinlichen Treffer in die Ecke pfeffern.

„Aber wir sprechen nicht gern über Gefühle“, sagt Tuku.

Grönländer, das weiß sie auch aus der Studie in ihrer Handtasche, folgen dem unausgesprochenen Gesetz des isumaminik: Misch dich nicht ein. Man drängt einem anderen keine Ratschläge auf, belästigt ihn nicht mit Fragen. Damit der sich nicht beurteilt fühlt und sein Gesicht wahrt. Wenn jemand im Parlament herumläuft, wird er seinen Grund haben. Wenn er im quietschbunten Lauf-Leibchen durch Nuuk rennt, ist das seine Sache. Und wenn er erschöpft nach dem Staffellauf auf dem Hallenboden sitzt, dann hilft man ihm, wenn er denn darum bittet.

Minik ärgert seine kleinen Brüder gern, als Zeichen der Liebe. Über ihr Leben aber reden sie nicht miteinander, über die Schule, über Mädchen. „Wir lösen jeder unsere eigenen Probleme“, sagt Minik.

 

Nur drei Kilometer von der Wohnung seiner Eltern in Block 10 entfernt steht die Universität von Grönland auf einem Felsen, eine Glasfront öffnet sich zum Fjord, das ganze Gebäude aus Beton und Luft und moderner Kunst ist ein Versprechen auf die Zukunft.

Ein Versprechen, das Minik bisher nicht einlösen konnte, obwohl er zumindest körperlich so nah dran ist wie wenige. Nicht jeder Grönländer hat ja wie er das Glück, bloß ein paar Gehminuten vom Gymnasium, eine kurze Busfahrt von der Hochschule entfernt zu wohnen.

Die Bildungswege vieler Kinder beginnen in Siedlungen irgendwo an der Küste, in blauen, gelben, roten Häuschen auf einem Felsen, dazwischen eine Kirche, ausgebleichte Rentierschädel vor den Türen und ringsherum diese Natur, die einem das Herz aufgehen lässt, in allen Richtungen nichts als Wasser, Berge, Himmel.

Bis zur achten Klasse bleiben sie in ihren kleinen Schulen, danach müssen viele Kinder nach Nuuk. Wohnen im Schülerheim, Hunderte Kilometer weit weg von ihren Familien, in einer Stadt, die nur dann putzig wirkt, wenn man sein Leben nicht in einem Kaff aus bunten Holzhäusern verbracht hat.

Vor allem die Jungs gehen oft bald wieder zurück. Denken, sie könnten ja auch einfach Fischer werden daheim, wo sie jeden kennen und das Leben einfach scheint.

Die Mädchen aber beißen sich durch. Drei Viertel der 300 Studenten an der Universität Nuuk sind Frauen.

Tuku ist in Qaanaaq aufgewachsen, letzte größere Siedlung vor Kanada. In ihrer Einzimmerwohnung hängen überall Erinnerungen, ein Foto ihrer Großmutter, eines, das sie selbst zeigt als Kleinkind, eingepackt in einen Fell-Anorak. Neben dem Herd die halbrunden Messer, mit denen die Inuit-Frauen Robben zerlegen, man kann auch gut Zwiebeln damit schneiden.

Tuku sehnt sich nach der Mitternachtssonne, nach frischem mattak, nussiger Walschwarte, das ist etwas anderes als das teure, gefrorene Zeug aus dem Brugsen. Wenn sie könnte, sie würde sofort wieder Richtung Nordpol ziehen.

„Aber dort kann ich höchstens als Lehrerin arbeiten“, sagt sie. „Das ist doch keine Herausforderung. Ich kann erst wieder in Qaanaaq wohnen, wenn ich alt bin.“

Tuku träumt von Tradition. Und ist zur Moderne gezwungen.

Auch Minik würde Nuuk am liebsten hinter sich lassen. Er will nach Italien ziehen oder auf die Galápagosinseln, Psychologe werden oder Ingenieur. Er grübelt viel, vor allem, wenn im Dezember die Sonne nur für eine Viertelstunde über dem Horizont erscheint. Tuku, weit nördlich des Polarkreises geboren, findet selbst das noch unnatürlich hell für die Jahreszeit; Minik geht im Dunkeln zur Arbeit und kommt im Dunkeln nach Hause. Dann stellt er sich für ein, zwei Stunden vor die Tageslichtlampe, die in seinem Zimmer hängt, und denkt nach. Danach, sagt er, geht es ihm besser.

Wer mit Minik durch den Juninebel läuft, mit diesem eckigen Kerl, der zu allem eine Theorie hat und keine Freundin, der am liebsten postapokalyptische Spiele zockt und seinen Mantelkragen hochschlägt, als sei er James Dean, der kann ihn leicht für einen Melancholiker halten.

Aber dann steht er am Wasser, auf dem ein Eisberg vorübertreibt, und redet vom Surfen. An seinem freien Tag zieht Minik Bahnen durch die Schwimmhalle, taucht im Kinderbecken mit seinem Cousin um die Wette, als sei er zwölf Jahre alt. Klettert auf einen Sendemast hoch über der Stadt.

Neben seinem „Solar Light“ hängen zwei Gitarren. Die Stunden waren langweilig, sagt Minik, der Lehrer wollte ihm die Dinge in der sturen Reihenfolge erklären. Also hat er sich das Spielen selbst beigebracht.

Denn was die Statistik nicht sagt, nicht über die Olsens und auch nicht über Grönland: Die Insel ist voller talentierter Leute. Junge Männer, die als Schulabbrecher in den Zahlen auftauchen, sich aber mithilfe von YouTube-Videos die Kunst des ostgrönländischen Trommeltanzes beibringen, bis sie Virtuosen darin sind. Die sich Können aneignen, sei es irischer Steptanz, Ballett oder Breakdance.

Sie funktionieren in einer Welt, in der einer vom anderen lernt. Sie versagen im System Schule.

 

Ukaliusaq zum Beispiel, eine von vier folkeskoler in Nuuk: 500 Schüler bis zur zehnten Klasse, 30 Lehrer, eine Sozialarbeiterin. „Viel zu wenig“, sagt Susanne Barthelsen. Sie steht in einem Klassenzimmer im ersten Stock, Dänischunterricht in der 8b. Lauter 13-Jährige: Hormone, Übermüdung. Kichernde Mädchen, vorlaute Jungs. Kaum ein Schüler, der es aufs Gymnasium schafft. Fünf zählt Barthelsen, fünf von 24. Im ersten Jahr hat die Lehrerin gekämpft. Jetzt macht sie ihre Arbeit, so gut sie kann. Im nächsten Jahr geht sie zurück nach Dänemark.

Es ist schwer, diese Kinder anzufeuern mit det er rigtig. Sich über die Arbeitsblätter zum Genitiv zu beugen, während die Pubertierenden um sie herum sich auf Grönländisch lustig machen über sie. Die Kinder nicht zu verstehen. Aber zu wissen, was diese 13-Jährigen und viele ihrer Eltern nicht wahrhaben wollen: dass sie ohne Dänisch nicht weiterkommen werden.

Nicht auf dem Gymnasium, wo sie dänische Schulbücher benutzen und die meisten Lehrer aus dem Mutterland kommen. Nicht auf der Universität. Nur eine Bildungseinrichtung in Grönland kommt nur mit Grönländisch aus: die Fischereischule.

Kalaallisut, die Sprache der Inuit, die klingt, als würde jemand mit schlecht sitzender Zahnspange reden, ist seit 1980 Unterrichtssprache in Grönlands Schulen. Ab der zweiten Klasse lernen alle Kinder auch Dänisch, eigentlich. In Barthelsens Klasse aber kommen sie an, als seien sie auf verschiedenen Planeten groß geworden. Die frechen Jungs am Fenster sprechen fließend. Die beiden Mädchen vorn sind zum Schuljahresbeginn aus einem kleinen Dorf gekommen, sie verstehen nicht einmal, was Susanne Barthelsen sagt.

Wenig bestimmt hier den Weg eines Kindes so wie die Sprachen, die es spricht oder nicht spricht. Und wenig ist mit so vielen Gefühlen beladen. „Wer kein Grönländisch kann, ist kein echter Grönländer“, sagt Minik. Und Tuku, die mühelos zwischen den Sprachen wechselt, deren Facebook-Einträge wie die Miniks ein Gemisch sind aus Kalaallisut und Dänisch, schiebt den Unterkiefer vor: „Es ist frustrierend, dass man in seinem eigenen Land Dänisch sprechen muss.“ Als wäre es so leicht. Als könnte Grönland das Dänische einfach ablegen und damit auch die komplizierte Kolonialgeschichte.

Die Grönländer tragen die Vergangenheit ihres Landes in den Gesichtern, in den Sommersprossen auf hohen Wangenknochen, in den blauen Mandelaugen, den dänischen Nasen unter Inuit-Haaren. Und sie tragen sie auf der Zunge.

„Wir halten Nuuk sauber“, steht auf den Müllautos der Stadt, rechts auf Dänisch, links auf Kalaallisut. Die weißen Holzkreuze auf dem Friedhof, wo die Toten mit den Füßen Richtung Fjord liegen, die neuen Gräber unter einer Farbenpracht aus blauen Rosen, roten Feuerlilien, die älteren unter verblichenen Stoffgestecken, sie tragen mal ein „Tak for alt“, mal ein „Quajanaq tamanut“. In beiden Fällen: Danke für alles.

Kein Grönländer sagt, bei allem Nationalstolz, zu seinem Handy Oqarasuaat angallattagaq: Ding-mit-dem-man-reden-und-herumlaufen-kann. Man sagt: „Mobil“. Und auch die großen Zukunftsträume des Landes kommen als Lehnwörter im Grönländischen an, als Minerali und Rubini.

 

Mit dem Helikopter werden Simon Olsen und die anderen Arbeiter von Nuuk zur Mine geflogen, immer dienstags, im Schichtbetrieb. Drei Wochen Arbeit, eine Woche frei.

Die Zeit drängt, nach zehn Jahren will die Firma endlich die ersten Steine aus der Erde holen; der unnatürlich lange Winter hat alle Pläne durcheinandergebracht, der Frost den Asphalt zerstört, und deshalb hat Simon gestern Abend angerufen und gesagt, er kommt heute nicht nach Hause.

Im Wohnzimmer der Olsens hängt das kleine Kajak, mit dem Simon als Vierjähriger gefahren ist. Darunter der Fernseher, auf dem sich ein Sohn durch Netflix zappt, während ein zweiter Videos auf seinem iPad guckt und der dritte auf dem Smartphone checkt, was seine Freunde bei Facebook treiben.

Die Olsens haben einen weiten Weg hinter sich gebracht, in vielerlei Hinsicht.

Sechsmal sind sie im Laufe von neun Jahren umgezogen, auch in Block P haben sie gewohnt, diesem Monstrum, in das man 1966 ganze Dörfer umsiedelte, die meisten der ersten Bewohner hatten niemals zuvor mit so vielen Menschen zusammengelebt. Es wurde zum 200 Meter langen Symbol der Entwurzelung, dieses Haus voller Dorfbewohner, die sich in Mietwohnungen wiederfanden, vermeintlich zu ihrem eigenen Besten in die Stadt geschickt, dorthin, wo die Krankenhäuser und Schulen sind.

Es geistern viele Geschichten durch Nuuk über Block P, vom Alkohol erzählen sie, von Gewalt. 2012 hat die Stadt ihn wohl vor allem wegen des Schimmels abgerissen.

Die Olsens haben zu sechst in zwei Zimmern gewohnt, jetzt haben sie vier Schlafzimmer. Eins für die Eltern, eins für Minik, eins für Palleq und seine Freundin. Das vierte teilen sich die Zwillinge, so wie sie das meiste teilen, auch das Netflix-Konto.

Kaalat zieht sich ihre lange Daunenjacke über und geht auf den Balkon, rauchen.

Block 10 ist das letzte der vierstöckigen, lang gezogenen Häuser hinter dem Nuuk Center, für europäische Verhältnisse entworfen, vom arktischen Wetter niedergerungen, die Farbe blättert ab von den Fassaden und den Balkongeländern.

Kaalats Söhne haben alle ein Jahr in Dänemark gelebt. Erst Palleq, dann Minik, vor zwei Jahren die Zwillinge. Ihre Mutter hat sie zum Flughafen gebracht. „Es hat jedes Mal wehgetan.“ Sie kennt natürlich die Geschichte von den 22 Kindern, die das Dänische Rote Kreuz 1951 aus ihren Familien riss und nach Dänemark schickte; als künftige Elite sollten sie nach Grönland zurückkehren. Nicht alle kamen in gute Familien, die meisten verlernten ihre Sprache, die Hälfte von ihnen ist tot.

Die Dänen möchten ihre Geschichte mit Grönland gern als leichte Form des Kolonialismus betrachten. Grönland war nie der Kongo. Aber das gab es: Zwangschristianisierung, das Umsiedeln erst in die Nähe von Fischfabriken und Kohleminen, dann in die Wohnblocks. Kinderraub, soziale Experimente. Trotzdem schicken jedes Jahr 250 Familien ihre Kinder auf eine der efterskoler, kleine dänische Internate. Damit sie Dänisch lernen.

Minik, der als Zwölfjähriger ins Krankenhaus geprügelt wurde, weil er nicht aus Nuuk war, vielleicht, oder weil ihn das falsche Mädchen mochte, der noch immer Probleme hat, unter Menschen zu gehen: Er war glücklich dort auf der kleinen Insel Venø in einem Vierbettzimmer voller Dänen. „Mich haben Menschen akzeptiert, von denen ich es nicht erwartet hätte“, sagt er.

V. E. hat er auf seinen rechten Unterarm tätowieren lassen, dorthin, wo man den Puls misst: „Venø Efterskole“.

Seine Mutter hat sich mit einer dänischen Lehrerin angelegt, weil die ihr verbieten wollte, den Zwillingen grönländisches Essen zu schicken, getrocknetes Rentier, getrockneten Seehund, getrockneten Fisch.

„Es stinkt“, sagte die Dänin.

„Es ist unsere Kultur“, sagte Kaalat. Noch immer findet sie viele Dänen arrogant.

In den Sommerferien aber wird die Familie nach Kopenhagen fliegen, zu den dänischen Gasteltern, bei denen die Zwillinge während ihres Auslandsjahrs gelebt haben.

Palleq und Mia wollen nach Dänemark umziehen, er will Elektrotechnik studieren, Mia ihr Dänisch verbessern.

Ob sie zurückkommen werden? Der Bevölkerungszuwachs des letzten Jahrzehnts, 300 Menschen im Jahr, ist nach Dänemark abgewandert. 17 000 Grönländer wohnen in Nuuk. Aber 15 000 in Dänemark.

Tuku, die das Kinn vorschiebt, wenn sie von Dänen redet, wird ein halbes Jahr nach Kopenhagen gehen, ein Praktikum im Parlament absolvieren, bei einem der beiden grönländischen Abgeordneten.

Auch Dänemark und Grönland sind wie zwei kopulierende Hunde: zu intim verbunden, um voneinander loszukommen.

 

Miniks Voraussetzungen, um es zu schaffen, sind also nahezu perfekt. Dänisch, eine intakte Familie, Eltern, denen nichts so wichtig ist wie die Bildung ihrer Söhne, Gymnasium und Universität vor der Haustür: „Ich habe das ganze Paket.“

Was er nicht hat, ist eine Erklärung für sein Scheitern, so wie auch Tuku noch keine befriedigende Antwort gefunden hat, warum die Jungs in ihrer Generation ihre Chancen nicht nutzen.

Aber beide erzählen Geschichten von Booten.

Boote sind wichtig, auch in Nuuk, wo genauso viele in den Buchten liegen, wie Autos vor den Häusern stehen. Ein Boot braucht man, um jagen fahren zu können, an stillen Tagen, wenn die Robbenköpfe kurz über dem Wasser auftauchen und ein Schütze nur wenige Sekunden hat. Der erste erlegte Seehund im Leben eines Grönländers ist ein Grund zum Feiern.

Beide Familien Olsen hatten ein Boot. Und beide haben keins mehr. Das von Miniks Familie ging kaputt, wurde geborgen, aber bis sie davon erfuhren, hatte jemand alle Elektrik herausgerissen. Das war’s. Jetzt kauft Kaalat das rubinrote Robbenfleisch eben auf dem Fischmarkt. Das Boot von Tukus Eltern ist in einem nicht aktenkundigen Sturm gesunken, und niemand will sich mit der Versicherung streiten.

Zwei dieser grönländischen Geschichten, die irgendwie unaufhaltsam zu ihrem Ende trieben. Das Leben passiert, man kann nichts machen. Denn Streit bedeutet, den anderen zu beurteilen. Und vor allem: sich in den Mittelpunkt zu stellen.

In Susanne Barthelsens Klasse brechen Mädchen in Tränen aus, weil sie vor ihren Mitschülern sprechen sollen. Die selbstbewusste Tuku hört einer Studentin zu, die sich über die Überlegenheit dänischer Universitäten auslässt. Denkt im Stillen: „Was zum Teufel redest du da?“ Und sagt kein Wort.

Wer Konflikte scheut, der kann alles nur geschehen lassen. Oder ausweichen. Wenn Frauen im Gedränge der Disco begrapscht werden, dann drehen sie sich weg, ein stummer Tanz des Unbehagens. Wenn Salik keine Lust auf Reporter hat, nicht an diesem Abend, dann sagt er das nicht. Sondern duckt sich hinein in einen Spätkauf. Wenn ein Schüler der Theaterschule nicht mitwill auf das Gastspiel in Kanada, weil es ihm zu fremd scheint, zu aufregend, dann kommt er am Reisetag nicht zum Flughafen, verschwindet still in sein Heimatdorf, gibt einfach auf, Schauspieler werden zu wollen. Und wenn die Schule langweilig ist oder anstrengend, dann geht Minik eben einfach nicht mehr hin. So ist das.

Tukumminnguaq Olsens Weg scheint klar. So klar, dass ihr Großvater sie anruft am dänischen Nationalfeiertag, an dem überall an den Nuuker Bussen rot-weiße Fähnchen wehen, rechts der Danebrog, links die grönländische Flagge. Dänemark feiert den Jahrestag der Verfassung, aber auch die Einführung des Frauenwahlrechts. Dazu gratuliert Tukus Opa: „Wenn du mal Premierministerin bist, dann denkst du an mich.“

Und was wird aus Minik? Wird er dem Leben weiter ausweichen?

Ein Nachmittag bei den Olsens. Kaalat arbeitet, der Wochenplan am Kühlschrank bestimmt Minik zum Koch der Familie. Er wärmt Frikadellen auf, dazu Kartoffelsalat aus der Dose. Er möchte auch noch eine Soße machen, ratlos steht er vor dem Herd. Wie war das noch mit der dunklen Mehlschwitze? Minik gießt Öl in einen Topf, kramt im Schrank, das Öl beginnt zu rauchen, in einer Dose schüttelt er Wasser und Mehl, der Deckel schließt nicht, er spritzt sich das Gemisch über die Arme, kippt es in den Topf, es zischt und qualmt.

Nichts läuft wie im Kochbuch, es sieht nach einer Katastrophe aus, eigentlich müsste man alles wegschütten und von vorn beginnen.

Zehn Minuten später steht ein Topf mit schokoladenbrauner Soße auf dem Tisch, sie ist nicht angebrannt, von Klümpchen keine Spur. Minik gießt sie zufrieden auf die Frikadellen, schiebt seine Brille hoch und probiert.

„Sehr gut“, sagt er.

So wie Grönland sich wehrt gegen die Dänen, die kommen und helfen wollen, die Ratschläge geben, ohne über den Gesichtsverlust der anderen nachzudenken, so will auch Minik seinen eigenen Weg finden.

„Er wird schmerzhaft“, das glaubt er selbst. Aber vielleicht muss man Minik einfach vertrauen.

 

GEO, 2/2016

 

Foto: Sven Zellner

 

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