Historisch: Großer Sprung

Im Jahr 1957 befiehlt Mao den »Großen Sprung nach vorn« . Doch die Ergebnisse dieser gewaltsamen Modernisierung sind verheerend. Der produzierte Stahl ist oft unbrauchbar, Stauseen versanden - und Millionen Menschen fallen der wohl schwersten Hungersnot der Geschichte zum Opfer

 

Als der Frühling nach Judong kommt, machen sich die jungen Männer davon. Sie lassen die Felder zurück, auf denen nichts wächst, ihre Frauen, die nicht mehr schwanger werden, ihre Kinder, die aufgeschwollen sind vom Hunger, ihre Eltern, die zu schwach sind, um zu fliehen. Ihre Häuser sind zerstört, ihre Kochtöpfe konfisziert. In der Region machen Milizen Jagd auf jeden, der sein Dorf verlässt, schlagen Tausende tot.

Doch die Männer aus Judong kommen durch, unentdeckt laufen sie bis zu einer Bahnlinie, klettern auf einen Zug, erreichen heimlich andere Züge, fahren bis an den Rand des tibetischen Hochlands, wo es noch Nahrung gibt.

Daheim im Dorf sterben in den folgenden zwei Jahren die Frauen, die Kinder, die Alten und Kranken. Sie sind Opfer einer selbst für China beispiellosen Hungersnot - ausgelöst von jener Partei, die zehn Jahre zuvor die Macht übernommen hat mit dem Versprechen, nie wieder werde ein Chinese verhungern.

Ausgelöst vor allem von dem Vorsitzenden dieser Partei, der 16 Monate zuvor beschlossen hat, sein Land mit einem gewaltigen Kraftakt in die industrielle Moderne zu katapultieren - und zugleich in den Kommunismus.

Diesen Traum vom "Großen Sprung nach vorn" werden die Hälfte der Menschen von Judong und wahrscheinlich 30 Millionen weitere Chinesen mit dem Leben bezahlen.

 

Judong in der Provinz Henan in Zentralchina ist ein armes Dorf. Es liegt zwischen Süßkartoffel- und Weizenfeldern in der Region Xinyang. Teiche glänzen zwischen den Äckern.

Die Bewohner haben oft gelitten, sie kennen Kämpfe und Naturkatastrophen.

Im Bürgerkrieg sind die Bauern übers Land gezogen und haben gebettelt, um zu überleben. Nach der Machtübernahme 1949 hat die Partei jedem von ihnen nach seinem bisherigen Besitz einen Klassenstatus zugewiesen, der die Hierarchie des Dorfes auf den Kopf stellte: Die "armen Bauern" wurden gegenüber den "Großgrundbesitzern" bevorzugt.

Die Felder der Reichsten wurden umverteilt, sodass alle Bauern nun Land bewirtschaften, das etwa gleich viel wert ist.

Doch 1957, acht Jahre nach Gründung der Volksrepublik, kann die KP noch immer nicht alle Chinesen zuverlässig ernähren. Bis 1952 steigerten sich zwar die Ernteerträge - erlangten aber kaum das Niveau der 1930er Jahre. Anschließend konzentrierte sich die Partei auf den Ausbau der Industrie.

Zudem müssen die Bauern seit 1955 in Kooperativen arbeiten, die oft mehrere Dörfer und bis zu 300 Haushalte umfassen. Land, Vieh und Gerät dürfen sie nun nicht mehr veräußern, sie bestimmen nicht länger selbst, was sie säen. Sie sind Teil der Planwirtschaft.

Noch gibt es Schlupflöcher: Zwar sollen die Bauern jenes Getreide an den Staat verkaufen, das nach Abzug einer schmalen Nahrungsration, Futter und Saatgut als "Überschuss" bleibt. Da die staatlichen Ankaufpreise aber niedrig sind, behalten die meisten ihre Ernte oder tragen sie auf lokale Märkte, wo sich höhere Erlöse erzielen lassen.

Doch Lebensmittelrationen, Krankengeld, Rente erhalten nur die Stadtbewohner.

Chinas Bauern, die für die KP gekämpft und im Bürgerkrieg viele Opfer gebracht haben, fühlen sich im Stich gelassen. Zeitungen berichten über den wachsenden Unmut der Menschen auf dem Land. Bauern tun sich zusammen, um aus den Kooperativen auszutreten - offiziell ist die Mitgliedschaft freiwillig.

Andere verachten die Kader in ihrem Dorf, greifen sogar deren Familien an. Auch in der Nähe von Judong erscheinen über Nacht antikommunistische Parolen auf den Mauern einer Kooperative.

Viele andere stimmen mit ihren Füßen gegen den Kommunismus: Sie verlassen ihre Produktionsgruppen und suchen sich anderswo besser bezahlte Arbeit. Die landwirtschaftliche Produktion stagniert: So steigen die Ernteerträge 1957 gegenüber dem Vorjahr nur um ein Prozent. Zudem hat eine Volkszählung 1953 ergeben, dass nicht wie erwartet rund 475 Millionen, sondern 582,6 Millionen Menschen im Land leben.

China steuert in eine soziale und wirtschaftliche Krise.

Mao versucht einen Befreiungsschlag und schwört seine Partei auf ein neues Projekt ein: den "Großen Sprung nach vorn". Innerhalb weniger Jahre soll das Entwicklungsland zur Industrienation werden; zugleich will er die Landwirtschaft radikal umgestalten.

Die Chinesen sollen die Erträge auf den Feldern steigern, mit Staudämmen Energie erzeugen, Stahl produzieren, in Fabriken arbeiten, Straßen und Schienen bauen.

Wenn jeder bereit wäre, Familie und Dorfgemeinschaft aufzugeben und sich bedingungslos in eine neue Produktionsarmee einzubringen, dann würde nach einigen harten Jahren nicht nur ein wirtschaftlich starkes China entstehen, sondern auch eine neue Gesellschaft.

Kommunistische Menschen werden darin leben, die das "wir" über das "ich" stellen: opferbereit, anspruchslos, voller Leidenschaft für die Revolution.

Den alten Elan aus der Zeit des Bürgerkriegs will der Vorsitzende wieder wecken und ist selbst voller Tatendrang - wie immer, wenn er neuen revolutionären Schwung zu spüren glaubt. Aber es sind auch Maos Nationalstolz und seine Geltungssucht, die dazu führen, dass er sein Volk gnadenlos nach vorn peitscht.

Denn im November 1957 steht er als Ehrengast auf dem Lenin-Mausoleum in Moskau und schaut der Militärparade zum 40. Jahrestag der Oktoberrevolution zu. Gerade haben die Sowjets einen zweiten Sputnik in die Umlaufbahn geschossen. Parteichef Chruschtschow prahlt so vor seinen Gästen, dass Mao sich herausgefordert fühlt und antwortet:

"Genosse Chruschtschow sagt uns, dass die Sowjetunion die Vereinigten Staaten in 15 Jahren überholen wird. Ich kann euch sagen, dass es gut möglich ist, dass wir in 15 Jahren Großbritannien erreichen oder überholen."

 

Die Bauern von Judong erfahren wenige Wochen später von dem gewaltigen Vorhaben Maos. Einige Männer werden abkommandiert, um an der Errichtung eines Staudamms mitzuarbeiten. Überall in China beginnen gigantische Bauprojekte, die die Bewässerung der Felder verbessern oder Strom für die Industrie liefern sollen. Und Henan geht voran:

Allein im Grenzgebiet zur Nachbarprovinz Anhui werden bis 1959 mehr als 100 Staudämme und Reservoirs gebaut.

Die Menschen arbeiten mit wenig mehr als den bloßen Händen. Den Mangel an Bulldozern und Baggern macht die Regierung mit schierer Masse wett: Im Januar hebt bereits jeder sechste Chinese mit Spaten oder Schaufel Kanäle aus, schüttet Dämme auf, trägt Erde in Körben fort, an einer Bambusstange über der Schulter, stundenlang, Tag für Tag.

Mehr als 580 Millionen Kubikmeter Erde bewegt diese Arbeitsarmee in den ersten beiden Monaten der Bewässerungskampagne.

Vor allem um solche Zahlen geht es den Kadern vor Ort: Die Provinzregierungen übertreffen einander mit Erfolgsmeldungen nach Beijing - denn je mehr Tonnen Erde eine Provinz bewegen kann, desto größer ihr politischer Einfluss.

Dass diese Zahlen meist in keinem Verhältnis zum tatsächlichen Nutzen stehen, zeigt ein Projekt in Gansu im Nordwesten Chinas: 160 000 Menschen arbeiten dort, um den Fluss Tao durch hohe Berge umzuleiten und frisches Trinkwasser in Dörfer weitab seines Bettes zu bringen. Doch immer wieder kommt es zu Erdrutschen, Wasserbecken versanden. 1962 muss das Projekt aufgegeben werden, ohne dass ein einziger Hektar bewässert wurde.

In ihrer Hast, möglichst viele, möglichst große Projekte anzuschieben, lassen Kader Dämme an falschen Stellen errichten, missachten Pläne der Ingenieure, sehen über Schlamperei hinweg.

Eine von Zehntausenden Bauern errichtete, mehr als 100 Meter hohe Talsperre am Gelben Fluss, die das Wasser von Sedimenten befreien soll, führt stattdessen dazu, dass er stärker verschlammt. Zudem bedroht nun Hochwasser die Stadt Xi'an: Nur die Senkung des Wasserspiegels im Stausee kann dies verhindern, doch damit werden die teuren Turbinen nutzlos; man baut sie wieder aus.

 

Während die Männer weit entfernt von ihren Dörfern auf den Baustellen arbeiten, müssen die Frauen aufs Feld.

Die KP-Funktionäre suchen nach einem Weg, die Bäuerinnen von ihren anderen Pflichten zu befreien, dem Kochen, der Pflege der Alten und der Versorgung der Kinder. Und sie finden ihn: in Henan.

Nicht weit von Judong entfernt haben im April 1958 Parteikader aus 27 Kooperativen und vier Kleinstädten eine Gruppe gebildet, die als "Sputnik"- Volkskommune bekannt wird. Rund 10 000 Haushalte sind dort zu einer Einheit zusammengefasst. Was anfangs kaum mehr ist als eine riesige Kooperative, wird schon bald zu einem viel radikaleren Projekt: Eigentum und Löhne werden abgeschafft, Nahrung und Kleidung kostenlos verteilt, die Kommunarden arbeiten und essen gemeinsam.

Die Führung in Beijing ist begeistert und vergrößert die Kollektive in ganz China. Die 740 000 Kooperativen im Land werden zu 26 000 Kommunen zusammengeschlossen.

Einige von ihnen übernehmen die Versorgung der Alten und der Kinder. Die Bauern müssen ihr Kleinvieh abgeben und ihre Kochtöpfe. Über ihre Zeit verfügt der Leiter ihrer Produktionsgruppe, der sie zur Arbeit einteilt. Dafür erhalten sie Punkte, die nach einem komplizierten System berechnet werden: Art der Arbeit, Geschlecht und Alter des Arbeiters, durchschnittliche Leistung seiner Produktionsgruppe.

Theoretisch können die Bauern mit diesen Punkten Getreide vom Staat kaufen.

Tatsächlich aber sinkt der Gegenwert der Arbeitspunkte schon bald rapide, und Getreide wird auf dem Land gar nicht angeboten.

Und zunächst gibt es auch keinen Grund, Nahrung zu kaufen. In jedem Dorf entsteht eine Volksküche, in der die Bauern kostenloses Essen bekommen.

Die Funktionäre scheinen Karl Marx' Vision "Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen" tatsächlich umzusetzen.

Auch in Judong beginnt "die Zeit der Großen Schüssel", wie die Dorfbewohner sie nennen.

Der 23jährige Wu Tiancheng übernimmt die Leitung der Volksküche in dem Dorf. Die Familien kommen zum Essen in die Kantine, immer acht Menschen setzen sich um einen Tisch; sobald die große Schüssel in der Mitte steht, beginnen sie ihr Mahl. Die Bauern dürfen aus mehreren Gerichten wählen, jeder kann so viel essen, wie er möchte.

Es ist eine Zeit des Überflusses, wie sie das Dorf noch nicht erlebt hat. Wer über Land reist, kann sich in jedem Ort in der jeweiligen Kantine satt essen.

Etwa zur gleichen Zeit werden die Häuser von Judong zerstört - möglicherweise deshalb, weil der mit Stroh vermengte Lehm der Wände als Dünger auf die Felder gestreut werden soll. Überall in China werden Bauernfamilien gezwungen, bei anderen einzuziehen oder in einfachsten Hütten zu schlafen, weil ihre Häuser zerrieben werden.

Auch die Trümmer von Ställen sind beliebt, da sie mit Urin getränkt sind.

Was immer die Kader an organischem Material finden, lassen sie aufbringen: In einigen Dörfern müssen Frauen ihre Köpfe rasieren, wenn sie weiterhin in der Volksküche essen wollen - auch das Haar wird aufs Feld gekippt. Alles nur, um den Ernteertrag zu erhöhen.

Denn wie schon bei den Bauprojekten beginnt ein Wettkampf um die besten Erfolgsprognosen. In allen Dörfern hält die Partei Versammlungen ab, und Wu Tiancheng, der eine Produktionsgruppe in Judong leitet, lernt schnell, was die Kader hören wollen. Deshalb antwortet er auf die Frage, wie viel seine Gruppe ernten werde: sehr viel.

Diese Prognose schönt der Leiter der Wu übergeordneten Volkskommune noch ein wenig, ehe er sie weiter an den Kreis meldet - und bis die Zahlen schließlich die Provinzregierung erreichen, sind sie so oft nach oben korrigiert worden, dass die für Henan erwarteten Erntezahlen, die dem Vorsitzenden der Planungskommission in Beijing gemeldet werden, mit der Wirklichkeit nichts mehr zu tun haben.

In Beijing werden mit diesen Zahlen die Ertragsziele festgelegt - und die Erwartungen dabei noch einmal erhöht.

Unter dem Eindruck der fantastischen Meldungen aus anderen Kommunen, Kreisen, Provinzen übertreiben Chinas Kader ihre Prognosen im Laufe des Jahres immer weiter: Vor der Gründung der Modellkommune Sputnik hat man dort im Februar 1958 noch mit gut vier Tonnen Weizen pro Hektar gerechnet, bis zum Winter wird die Zahl auf 37,5 Tonnen aufgepumpt (50 Jahre später wird ein deutscher Bauer durchschnittlich acht Tonnen Winterweizen pro Hektar ernten).

Und so werfen die Bauern alles auf die Felder, um die wahnwitzigen Prognosen zu erreichen. Friedhöfe werden zu Äckern gemacht und mancherorts sogar Leichenreste zu Dünger eingekocht.

Zudem müssen die Landleute neue Ideen aus Beijing umsetzen, die oft ihrem Wissen widersprechen. "Tiefes Pflügen" heißt eine dieser Vorgaben: Furchen von bis zu drei Meter Tiefe sollen die Bauern nun in die Felder graben, denn starke Wurzeln, so die Theorie, lassen fruchtbare Pflanzen wachsen.

Auch müssen die Bauern das Getreide jetzt dicht an dicht säen und junge Reispflanzen eng zusammen setzen, denn auch Pflanzen teilen sich angeblich brüderlich Nährstoffe, Licht und Wasser.

"In Gesellschaft wachsen sie leichter", behauptet Mao, "mit Gesellschaft haben sie es bequemer." Und wie Kommunisten sich hüten müssen vor rechten und konterrevolutionären Kräften, so haben auch die Pflanzen einen natürlichen Feind: Spatzen.

Weil die Vögel angeblich die Saat auffressen, ordnet die Partei eine Anti-Spatzen-Kampagne an. Kinder ziehen mit Ratschen herum und schlagen auf Töpfe, um die Tiere immer wieder aufzuscheuchen, bis sie vor Erschöpfung tot vom Himmel fallen.

 

Nicht nur auf den Feldern tobt der Kampf um Chinas Zukunft. Wer sich mit den Industrienationen messen will, braucht Stahl. Innerhalb von 15 Jahren soll sich die Produktion verachtfachen; und auch dabei müssen vor allem die Bauern dafür sorgen, dass sich Maos Wunschdenken erfüllt.

Wer unter Judongs Männern nicht am Staudamm arbeitet, zieht in die Berge, um Steine für einen der primitiven Hochöfen zu sammeln, die jetzt überall in China entstehen. Wo kein Eisenerz verfügbar ist, werfen die Bauern als Rohmaterial in die Glut, was sie finden können: Kochtöpfe, Pflugscharen, Fahrräder, Alteisen.

Insgesamt 140 000 Tonnen landwirtschaftliche Geräte werden 1958 in Henan eingeschmolzen. Um die Feuer zu füttern, verbrennen die Bauern Möbel und Balken. Auch Wälder fallen der Stahlkampagne zum Opfer, der Boden ist Regen und Wind fortan schutzlos ausgesetzt.

In vielen Provinzen aber sind mehr als zwei Drittel des so produzierten Stahls minderwertig: Weder Traktoren noch Pumpen oder Pflüge können daraus hergestellt werden.

 

Im Herbst 1958 geht ein Jahr pausenloser Kampagnen zu Ende. Jetzt müssen die Prognosen erfüllt werden. Doch viele Geräte sind eingeschmolzen, viele Männer noch immer auf den Baustellen.

Pflanzen sind eingegangen, weil sie zu tief oder zu eng gesät wurden. Insekten fallen in die Felder ein, denn ihre natürlichen Feinde, die Spatzen, sind zu Tode gehetzt worden.

Doch die Partei pocht auf die Erfüllung der gemeldeten Planzahlen. Und gerade die Bauern in Henan können kaum auf Nachsicht hoffen.

Den ganzen Sommer über haben sie Propaganda gegen den ehemaligen Provinzführer Pan Fusheng gehört. Der hat bereits 1957 die Kollektivierung als übereilt kritisiert und gefordert, Kader zu bestrafen, die Bauern totschlügen.

Auch eine "Anti-Rechts-Kampagne" hat er nur begrenzt umgesetzt, weil er um die Ernten fürchtete.

Inzwischen ist Pan abgesetzt - und sein Nachfolger Wu Zhipu will seine Loyalität beweisen, indem er den Großen Sprung in Henan besonders radikal verwirklicht. Mit großem Eifer verfolgt er angebliche "Rechtsabweichler" in seiner Provinz, schürt ein Klima der Angst. Niemand wagt mehr, die schlechte Versorgung anzusprechen oder übertriebene Prognosen zu korrigieren. Dabei lügt bei Produktionserfolgen wohl keiner so dreist wie Wu Zhipu.

So wird Henan zur Musterprovinz, in der Presse gefeiert, ihre Regierung von Mao hofiert. Wu knüpft sein Schicksal an den Großen Sprung - mit tödlichen Folgen für die Bauern von Henan.

Mao geht im Spätsommer 1958 davon aus, dass China eine Rekordernte einfahren wird. Bei seinen Reisen über Land hat er Haufen von Getreide am Wegesrand gesehen, grüne Reisfelder, so weit er blicken konnte. Vermutlich bemerkt er nicht, dass Bauern die Pflanzen auf Befehl der Kader an seine Reiseroute umgesetzt haben, dass sie den Weizen seinetwegen am Straßenrand aufgeschüttet haben - und nicht, weil die Speicher voll sind.

Der Vorsitzende scheint glücklich. Aufgekratzt empfiehlt er den Bauern, fünfmal am Tag zu essen und in Zukunft weniger anzupflanzen.

Tatsächlich lassen Parteiführer in den folgenden Jahren überall Felder brach fallen, um die Vorratslager zu entlasten.

Doch die Rekordernte bleibt aus. Überschüssiges Getreide müssen die Bauern an den Staat abgeben. Den Überschuss aber berechnet die Partei aufgrund der falschen Zahlen. Und die sind nirgendwo in China so unkorrekt wie in Henan, statt der erwarteten 35 Millionen Tonnen Getreide werden nur 12,5 Millionen Tonnen geerntet.

Judong kann das Plansoll nicht erfüllen. Es gibt fast kein Getreide im Dorf.

 

Stundenlang müssen die Bauern sich nun bei "Kritiksitzungen" vor Kadern rechtfertigen, Tag für Tag. Sie werden gefesselt und bedroht. Wu Tiancheng muss einmal sieben Tage hintereinander stehen, bis er zugibt, dass in seinem Dorf Getreide versteckt sei. Doch was als "Überschuss" aus Judong abgeführt wird, ist das Saatgut und die Nahrung für die Dorfbewohner.

Die Bauern lernen, den Kadern jene Lügen zu erzählen, die sie hören wollen: Es geht uns gut, wir haben genug zu essen und zu trinken.

In Wirklichkeit aber muss Wu Tiancheng das Essen in der Volksküche rationieren. Die Tage des Überflusses sind vorbei. Die Kantine teilt bald - wenn überhaupt noch etwas - wässrige Reissuppe aus, darin ein winziger gedämpfter Kloß.

Um seine Familie zu ernähren, stiehlt Wu aus dem Vorratslager oder schleicht sich aufs Feld, gräbt Süßkartoffeln aus, entzündet ein Feuer in einem Loch, röstet seine Beute und verspeist sie an Ort und Stelle. Andere holen unreife Bohnen vom Acker, zerstampfen sie und kochen sie zu einer mehligen Suppe.

Nur heimlich bereiten sie diese kümmerlichen Mahlzeiten zu: Denn wenn Kader irgendwo Rauch entdecken, dringen sie in das betreffende Haus ein und beschlagnahmen alles Essbare.

Während der Hunger sich in den Dörfern ausbreitet, sieht die Parteiführung in den nicht erreichten Ertragszahlen ein ideologisches Problem: Die Bauern würden das Getreide verstecken, weil sie befürchteten, zu wenig Nahrung zu erhalten. Mao kritisiert daraufhin zwar allzu eifrige Kader und lobt die Schläue der Bauern. Gleichzeitig aber fordert er seine Funktionäre auf, bis zu einem Drittel der Ernte einzuziehen. Ausgerechnet jetzt, wo sie so wenig haben wie selten zuvor, sollen die Bauern mehr abgeben denn je.

Um jeden Preis will Mao die Menschen in den Städten ernähren und Chinas internationale Verträge erfüllen.

Denn die Volksrepublik hat vor allem im sozialistischen Ausland eingekauft: Kräne, Lkw, Motoren, Pumpen, Mähdrescher, ganze Stahlhütten, Zementfabriken, Raffinerien, Kraftwerke.

Doch die Kommunisten haben kaum Devisen, um für die Ware zu bezahlen.

Stattdessen betreiben sie Tauschgeschäfte - vor allem mit Lebensmitteln: etwa Fleisch für die UdSSR, Reis und Speiseöl für die DDR.

Die Führung um Mao bleibt fest entschlossen, ihren Verpflichtungen nachzukommen, selbst auf Kosten der eigenen Bevölkerung. In völliger Verkennung der Lage schlagen hohe Parteifunktionäre vor, das Exportproblem dadurch zu lösen, dass jeder Chinese auf ein paar Eier, ein Pfund Fleisch und etwas Getreide verzichtet.

 

Aus den Dörfern der Hungernden überall im Land ziehen nun Millionen Menschen trotz eines Verbots in die Städte, viele versuchen über die Grenzen nach Burma oder Vietnam zu flüchten oder sich in entlegene Provinzen zu retten. Aus Qinghai und Gansu erreichen Briefe von Verwandten und Freunden die Bauern der Region Xinyang. Sie enthalten Geld und detaillierte Anweisungen für eine Flucht.

Vielleicht bringt so ein Brief auch Wu Tiancheng dazu, Judong zu verlassen.

Der junge Bauer hat es geschafft, durch Tricksen und Stehlen seine Familie über den Winter zu bringen. Doch er sieht, wie die Not um ihn herum immer größer wird. Was soll er tun?

Er hat Verbindungen in die relativ dünn besiedelte Provinz Qinghai in Westchina. Wer dort arbeitet, erhält regelmäßig Essensrationen. Die Nachrichten müssen Wu wie ein Rettungssignal vorkommen. Er bespricht sich mit seinen Freunden. Dann, im Frühling 1959, führt er die jungen Männer seiner Produktionsgruppe zur Eisenbahnstrecke.

Überall auf dem Land hat die Partei inzwischen Hunderte Milizstationen errichtet, an denen Flüchtige abgefangen, verhaftet und dann meist wieder zurücktransportiert werden. In Xinyang gehen die Bauern ein besonders hohes Risiko ein: "Knüppelbrigaden" nennen sie die Volksmilizen in dieser radikalsten Region der radikalen Provinz Henan.

Die Führung hat Xinyang mit Beginn der Hungersnot abgeriegelt und lässt Zehntausende Flüchtende tot prügeln.

Die Männer aus Judong aber schlüpfen durch und erreichen eine Hochebene in der mehr als 1000 Kilometer entfernten Provinz Qinghai. Dort wird ihre Arbeitskraft gebraucht, sie machen auf einer staatlichen Farm Brachland urbar und erhalten dafür 360 Gramm Getreide am Tag.

Bauern aus ganz China kommen hierher. Unter dem weiten Himmel der Hochebene tauschen sie Geschichten aus, ohne Furcht, von Kadern belauscht zu werden. Wu Tiancheng hört von Hunger und Not in allen Landesteilen. Und erfährt von den schlimmsten Auswüchsen der Hungersnot: von Eltern, die die Leiber ihrer verhungerten Kinder kochten, um zu überleben.

Zur gleichen Zeit beginnt die kommunistische Führung der Region Xinyang mit einer brutalen Kampagne: Sie unterstellt den Kommunarden, ihren tatsächlichen Ernteerfolg zu verschweigen, um so mehr Getreide an die eigenen Leute ausgeben zu können. Daraufhin liefern viele Dörfer selbst das Saatgut sowie die letzten Getreiderationen der Bauern aus.

Die Menschen in Henan mahlen nun leere Maiskolben und formen daraus einen "Großer-Sprung-nach-vorn-Kloß". Sie essen die Rinde von den Bäumen und die Blätter. An einem Flussufer nehmen sie Lehmerde und zerreiben Steine, um daraus "Nudeln" zu formen.

Bald sind die meisten Menschen in Judong zu schwach, um sich noch aufs Feld zu schleppen. Ihre Körper schwellen an von Hungerödemen. Sie sterben, weil sie Ungenießbares hinunterschlingen.

Die Angehörigen verstecken die Leichen in den Häusern, um so die Rationen der Toten zu erhalten: einen Dampfkloß, einen Bohnenfladen.

Die Bauern kennen den Hunger aus früheren Zeiten. Doch diesmal bleibt ihnen kein Ausweg; niemand besitzt Vorräte oder Erspartes, alles haben sie an die Volkskommune abtreten müssen.

Sie besitzen kein Land, das sie verkaufen könnten. Sie durften kaum Rüben und Süßkartoffeln pflanzen, weil in Beijing nur die Menge an geerntetem Getreide zählt. Betteln hat die Partei ebenso verboten wie Landflucht. Geschwächt sterben die Menschen von Judong; ohne einen Ton von sich zu geben, brechen sie zusammen. Und es sind viele Tote: Der Bäuerin Liu Xinghong, deren Mann an den Folgen einer Kritiksitzung gestorben ist, verhungern fünf Kinder. Auch die Witwe eines "Großgrundbesitzers" stirbt an Unterernährung.

Und trotzdem liefert die Provinz Henan 1959 gut 400 000 Tonnen Getreide nach Beijing. Mehr als 1,2 Millionen Menschen könnten davon ein ganzes Jahr lang leben.

 

Im Juli 1959 trifft sich die Spitze der Partei. Zu diesem Zeitpunkt sind bereits eine Million Chinesen verhungert. Jetzt wäre die Gelegenheit, die Exporte zu stoppen und Hilfslieferungen anzufordern, das Sterben zu beenden. Doch Mao lässt sich nicht beirren: "Die Situation ist exzellent. Es gibt viele Probleme, aber unsere Zukunft ist leuchtend."

Aus einem furchtbaren Fehler Maos wird sein größtes Verbrechen.

Allein Verteidigungsminister Peng Dehuai wagt es, unterstützt von Vertrauten, dem Vorsitzenden in einem Brief zu widersprechen - mit fatalen Folgen für sich und ganz China. Peng verliert sein Ministeramt, die anderen KP-Führer beugen sich Maos Deutung: Von einigen Schwierigkeiten abgesehen, ist der Große Sprung ein Erfolg. In einer Resolution brandmarkt die Parteispitze Maos Kritiker als Rechtsabweichler.

Tausende Kommunisten werden in den folgenden Monaten als "kleine Peng Dehuais" aus der Partei ausgeschlossen oder verhaftet. Kader wagen es nicht mehr, Hunger und tatsächliche Ernteerträge nach oben zu melden.

Gleichzeitig zieht die Volksmiliz durch die Dörfer, bricht durch Wände, gräbt Keller auf, zertrümmert Fußböden auf der Suche nach den allerletzten Vorräten. Was immer das Land noch hergibt, wird in die Metropolen Beijing und Shanghai gebracht oder in die Provinz Liaoning, das Zentrum der Schwerindustrie.

Kader erhalten Extrarationen.

Die KP, die selbst ernannte Partei für die Bauern, sichert ihre Macht durch millionenfachen Tod auf dem Land.

 

Erst im Oktober 1960 erfährt die Parteispitze vom brutalen Vorgehen der Führung in Xinyang und dem Ausmaß der Hungersnot dort. Allein im Kreis der Modellkommune Sputnik ist jeder Zehnte ums Leben gekommen. Wahrscheinlich sind in der ganzen Region seit 1959 gut 2,4 Millionen Menschen gestorben - die meisten verhungert, Zehntausende erschlagen.

Mao schickt 30 000 Soldaten nach Xinyang, lässt die Region besetzen, die Führung verhaften, Nahrung und Medikamente an die Bauern liefern. Doch noch immer hält er am Großen Sprung fest: Die Vorgänge in Xinyang schreibt er feudalen Kräften zu, die, voller Hass auf den Sozialismus, die Partei unterwandert hätten. Und so heißt der Einsatz der Soldaten auch nicht Katastrophenhilfe, sondern "Nachhilfeunterricht in der demokratischen Revolution".

Weshalb beharrt der Vorsitzende auf seiner Strategie, als der Hunger im Land längst offensichtlich ist? Solange die Archive der KP noch verschlossen sind, wird sich darauf keine befriedigende Antwort finden. Vielleicht fürchtet er, gestürzt zu werden.

Vielleicht fürchtet er um seinen Platz in der chinesischen Geschichte - er hat 1956 verfolgt, wie die sowjetischen Kommunisten Stalin postum verurteilt, seine Politik gebrandmarkt haben.

Vielleicht glaubt er auch noch immer, dass sich die Opfer auszahlen werden, dass China wirklich an der Schwelle zur Industrienation steht. Lange Zeit wohl will er auch das ganze Ausmaß des Hungers nicht wahrhaben.

Sicher ist: Spätestens im Sommer 1961 kann auch er seine Augen nicht mehr vor der Katastrophe verschließen. Mitglieder der Parteispitze haben das Land bereist und das Massensterben selbst gesehen. Sie berichten ihm detailliert.

Zudem gehen die Vorräte in Shanghai und Beijing zu Ende. Der Große Sprung ist gescheitert - auch wenn er nie offiziell für beendet erklärt wird.

Mao zieht sich daraufhin zurück und überlässt es den anderen Spitzenfunktionären, sein Volk zu retten.

China importiert Getreide, um die Hungernden zu versorgen. Ein Notstandsgesetz erlaubt den Bauern wieder, Parzellen zu pachten und einen Nebenerwerb auszuüben. Lokale Märkte werden zugelassen, Tausende ineffiziente Industrieprojekte eingestellt. Die Volksküchen werden abgeschafft, die Kommunen verkleinert. Die etwa 25 Millionen Chinesen, die in die Städte geflohen sind, müssen in ihre Dörfer zurückkehren.

Die neuen Direktiven sprechen sich schnell herum. In der Provinz Qinghai hören Wu Tiancheng und seine Kameraden, dass daheim Land verteilt wird. Zwei Jahre nach ihrer Flucht fahren sie zurück nach Judong.

Sie kommen in ein entvölkertes Dorf. Wohl die Hälfte der Bewohner ist tot. Nur wenige unter den Kleinkindern haben den Großen Sprung überlebt. Und noch ist das Sterben nicht zu Ende. Jeder zweite Chinese, der 1963 stirbt, ist unter zehn Jahre alt: geschwächt vom jahrelangen Hunger.

Im Januar 1962 treffen sich 7000 Funktionäre in Beijing.

Staatspräsident Liu Shaoqi, Maos einstiger Vertrauter, spricht das Versagen der Parteispitze mutig aus: "Man muss klar sagen, dass die Hauptverantwortung für die Engpässe und Fehler in unserer Arbeit der letzten Jahre beim Zentrum der Partei liegt."

Er hat das Leiden der Bauern mit eigenen Augen gesehen, und er ist nicht bereit, Maos Einschätzung zuzustimmen, das Verhältnis zwischen Rückschlägen und Erfolgen entspreche "nur einem von zehn Fingern".

"Im Allgemeinen sind es eher drei", sagt Liu, "und in einigen Regionen sogar noch mehr, etwa im Gebiet Xinyang." Die wahren Ausmaße der Hungersnot aber verschweigt die Partei. Sie nennt die Zeit des Großen Sprungs "Die drei bitteren Jahre", schiebt die Schuld unter anderem auf Dürren und auf die Sowjetunion, die angeblich darauf beharrt habe, dass China seine Verträge auch während der Hungersnot erfülle.

Tatsächlich aber war diese Katastrophe menschengemacht: von Mao, der die Strategie des Großen Sprungs persönlich bestimmte, und von den anderen Kadern, unter denen viele - von den mächtigen Mitgliedern des Zentralkomitees bis zum einfachen Parteifunktionär im Dorf - bereit waren, für die Vision eines chinesischen Kommunismus Menschen zu opfern.

Mit dem Versprechen, keinen Chinesen mehr hungern zu lassen und das Land in eine leuchtende Zukunft zu führen, hat die Partei unzählige Chinesen in den Tod geschickt. Vom westlichen Ausland weitgehend unbemerkt, kamen in Chinas Dörfern innerhalb von drei Jahren vermutlich 30 Millionen Menschen um.

Und nicht alle verhungerten: Millionen Menschen wurden erschlagen, erstochen, erschossen. Nicht von einer feindlichen Armee, sondern von den eigenen Landsleuten.

Der Große Sprung ist Mao Zedongs größter Fehler, sein größtes Verbrechen.

Und er wird nicht vergessen, wer gewagt hat, die Wahrheit über diese Katastrophe auszusprechen: Liu Shaoqi.

Jener Mann, der lange Zeit als Maos Erbe galt, wird seine offenen Worte einige Jahre später mit dem eigenen Leben bezahlen. Er ist das letzte von 30 Millionen Opfern, die das chinesische Volk gebracht hat für den Wahn eines Mannes: für die Vorstellung, dass man ein Entwicklungsland kurzerhand in die Moderne peitschen kann.

 

GEO Epoche "Das China des Mao Zedong", 2011

 

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