Porträt: Bert Teunissen

Geklöppelte Spitzendecken, vergilbte Familienbilder, ein verschrammter Tisch. Karge Stuben, in denen alte Frauen und Männer mit müden, mit starken Gesichtern verharren. Der Niederländer Bert Teunissen reist seit Jahren quer durch Europa, um eine Welt zu porträtieren, in der Wandel, Wohlstand, Verschwendung nie angekommen sind

 

Als Bert Teunissen das Haus von Marie Valdson betritt, steht er in ihrer Küche und in scheinbar vollkommener Dunkelheit.

Erst nach einem Moment nimmt er die Glühbirne wahr, die über dem Herd funzelt. Ruß und Fett von Jahrzehnten, vielleicht Jahrhunderten, haben Wände und Decke geschwärzt.

Es riecht warm und salzig nach Holzrauch und ein wenig scharf nach Ammoniak. Hinter der Wand gackert ein Huhn.

"Wunderschön", sagt Teunissen.

Für dieses Gefühl ist er hierher gekommen, an den Rand Europas, in die Einöde Estlands, in das halb verlassene Dorf Meleski, wo nicht die Straßen Namen haben, sondern die Häuser. Und schließlich zu diesem im Wald versteckten alten Hof, der Tasa Talu heißt. Um zu fotografieren, natürlich, aber zunächst doch für diesen Moment des Glücks.

In solchen Augenblicken kehrt Teunissen, der Werbe- und Modefotograf, der Liv Ullmann porträtiert hat, in Gedanken zurück in die niederländische Provinz. Dort, in Ruurlo, nahe der deutschen Grenze, hatte sein Großvater in der alten Dorfpost ein Kleidergeschäft geführt und seine Kinder großgezogen.

Der Enkel Bert mochte das alte Haus mit seinen merkwürdigen kleinen Treppen und Winkeln, er mochte das Licht und die Schatten und die Wärme.

Doch in den späten 1960er Jahren fanden seine Eltern es an der Zeit, das Gebäude zu modernisieren. Die Familie zog aus und kehrte ein Jahr später im Triumph zurück: Ein Sommertag, kurz vor dem Schlussverkauf, das ganze Dorf war da, der Bürgermeister schnitt das Band durch. Alle feierten das saubere, hübsche, moderne Ergebnis der Bauarbeiten. Nur ein Kind trauerte um das Verschwundene: der neunjährige Bert.

Seitdem berührt es den Fotografen, wenn er eine alte Küche betritt, wie jetzt auf dem Hof Tasa Talu in Estland. Wenn die Haustür geschlossen und die Glühbirne ausgeknipst ist, ist es stockfinster in der Küche. "Das wird schwierig", murmelt der Fotograf und macht die Tür weit auf. Was der verregnete Junitag an Licht aufbringen kann, fällt in einem schmalen Streifen bis zum Herd. Viel ist es nicht.

Bert Teunissen dirigiert die 86-jährige Marie Valdson auf einen Holzschemel. Wenn sie steht, ist ihr Rücken von Arbeit und Alter fast in einen rechten Winkel gebeugt. Auch auf dem Hocker sitzt sie gekrümmt, und regungslos wie eine Statue.

Eine große Hand ruht auf ihrer karierten Schürze, mit der anderen hält sie sich an der Herdstange fest. Durch den Spalt der geöffneten Klappe leuchtet das Feuer.

Der Fotograf quetscht sich in die Ecke, hinter der noch immer das Huhn gackert. Er hat seine Großbildkamera auf das Stativ geschraubt, er hat einen Polaroid-Abzug gemacht, um die Belichtungszeit zu prüfen. Mit den Fingern formt er ein O.K.-Zeichen über dem Objektiv, folgsam schaut Marie Valdson in die Kamera. Teunissen drückt den Auslöser. "Een, twee, drie . . .", zählt er. Bis 40. Marie Valdson rührt sich nicht.

 

Vielleicht, denkt Teunissen manchmal, erinnern sich die alten Leute dabei an ihre Kindheit, als man noch still sitzen musste beim Fotografen. Als steife, seltsam feierliche Aufnahmen entstanden wie die Bilder, die Teunissen am Beginn seiner Reise gesehen hat. Im Fotografiemuseum in Tallinn ist er darauf gestoßen und hat sie sorgfältig betrachtet, diese unbekannten, längst verstorbenen Esten.

Das Museum war dann aber auch das einzig Positive an dieser Stadt, in deren alte Häuser bereits die immergleichen Ladenketten eingezogen sind, wo man ihm Bier im Plastikbecher servierte und wo auf den Straßen Leute in mittelalterlichen Kostümen versuchten, Touristen in ihre Lokale zu locken. "Disneyland", sagte Teunissen und stieg in seinen alten, silbernen Volvo, um Tallinn schnell hinter sich zu lassen.

Das hat er gelernt in den 14 Jahren, die er schon durch Europa fährt und versucht, ein Gefühl für die Nachwelt zu konservieren: das Wohngefühl von Generationen von Europäern, die ihr Leben lang in ihrem Dorf wohnten, ihrer Heimat, ihrem Heim. In dem ein mächtiger Ofen stand, hinter dem man sich verkriechen, hinter dem man sich hervorlocken lassen konnte. Der so groß war, dass man eine Hexe hätte hineinstoßen können.

Das Wohngefühl von Europäern, die sich mit dem einrichteten, was sie geerbt oder sich zur Hochzeit geleistet hatten.

Und es dorthin stellten, wo es ihnen das Tageslicht diktierte: das Bett in die dunkelste Ecke, den Tisch ans Fenster. Teunissen will dieses Leben einfangen, bevor es abgerissen oder wegmodernisiert wird. Das ist seine Mission.

Die meisten Europäer wollen und müssen bereits nicht mehr so wohnen. Auch nicht in Estland, das sich mit aller Macht Richtung Westen ausrichtet, das den kostenlosen Zugang zum Internet für jeden Bürger als Grundrecht garantiert.

Doch der Fotograf weiß, wo er suchen muss. In die Städte kommt der Fortschritt zuerst. Dann breitet er sich entlang der großen Straßen aus. Und am Wasser. Teunissen mag das Meer nicht, ist jedem See gegenüber misstrauisch: Wo Wasser ist, sind Touristen, mindestens aber Wochenendhäuser. Also raus aus der Stadt, runter von der Autobahn, weg von den Menschen.

Das heißt meistens aber auch: weg von Jugend und Geld.

Auf seinen Reisen in Europas Vergangenheit besucht der Fotograf jene Gegenden, in denen keine Agrarsubventionen der EU ankommen. Er trifft die Zurückgelassenen, deren Kinder in die Städte gezogen sind oder gleich ins Ausland. Die zu arm sind, um zu folgen, oder zu alt. Oder die zu tief verwurzelt sind.

Diese sind Teunissen vielleicht die liebsten.

 

Marie Valdson wurde auf Tasa Talu geboren, ebenso wie ihre Mutter und ihre Großmutter. Sie lebt allein mitten im Wald, in dem Haus mit der vollgestellten Stube, in der noch die Jacken ihres verstorbenen Mannes hängen, mit dem Garten hinter dem Haus, aus dem sie Rhabarber und Kartoffeln holt, mit dem niedrigen Verschlag aus Feldsteinen, der ihr als Kühlschrank dient. Manchmal kommen ihre Tochter und ihr Schwiegersohn, um ihr zu helfen.

Und manchmal ruft ihre Freundin Salme Hein an. Sie wohnt im letzten Haus an der Straße aus Meleski hinaus, ihre Kinder leben in der Stadt. Wenn diese Salme Hein nicht im richtigen Moment mit dem Rad zum Konsum hätte fahren wollen - Teunissen wäre nie in Marie Valdsons Küche gelandet.

Er hatte dieses Dorf doch schon abgehakt, wo die Hälfte der Dächer eingestürzt ist, wo ihm auf sein Klopfen niemand öffnete, wo ihn nur von der anderen Straßenseite Menschen misstrauisch beobachteten. Er wollte raus aus Meleski, im nächsten Ort sein Glück versuchen, bevor die Sonne zu weit sank oder der Regen zu stark wurde. Doch dann hatte er Salme Hein gesehen, pausbäckig, im Kopftuch, und ihr Häuschen, das vielversprechend aussah, sicher über 100 Jahre alt. Sie hatte die russischen Sätze verstanden, mit denen Teunissens junge litauische Assistentin Marija ihn auch durch Estland und Lettland lotst.

Nachdem Salme Hein in ihrer Küche fotografiert worden war, hatte sie aus dem Nebenzimmer einen vielfach gefalteten Zettel geholt, aus den Tiefen ihrer Bluse ein Handy geangelt: Sie habe da eine Freundin, in einem Haus im Wald.

Marie Valdson aber hatte ihr Hörgerät ausgeschaltet. Und so war Salme Hein eben zu dem Fotografen ins Auto gestiegen und hatte ihn über holprige Waldwege nach Tasa Talu gelotst.

Bert Teunissen verlässt sich darauf, dass ihm solches Glück widerfährt. Zwar nimmt er immer einen einheimischen Helfer mit. Manchmal muss aber eine junge Litauerin für das ganze Baltikum reichen, auch wenn sich viele Esten und Letten weigern, ihr Russisch zu verstehen, die Sprache der ehemaligen Besatzer.

Immer wenn er Geld für einen weiteren Teil Europas zusammen hat, packt der Fotograf seinen Volvo voll mit einem Ersatzreifen, zusätzlichen Lesebrillen, einem Kilogramm Lakritz, den "Dropjes", und einem Atlas - er glaubt nicht an Navigationsgeräte.

Und dann nur weg von den dicken roten Straßen, hin zu den dünnen weißen, die in der estnischen Wirklichkeit sandig sind und durch eine weiß-grüne Landschaft führen aus Birken, hohem Gras, Pusteblumen und Schafgarbe.

Nur selten sieht er einen Bauern bei der Arbeit. Über die brachliegenden Felder stelzen Störche. Sie nisten auf Telefonmasten, auf den Dächern verlassener Häuser und den gemauerten Schornsteinen verfallener Fabriken. Das haben die Sowjets außer dem Misstrauen gegenüber der russischen Sprache hinterlassen: die Betonrippen ehemaliger Schweinemästereien und Industrieruinen, heruntergekommene Plattensiedlungen am Dorfrand, meist nicht mehr als zwei, drei Häuserreihen.

Während der Fahrt peilt Teunissen in alle Richtungen, verlangsamt an Einfahrten, schielt zwischen Bäumen hindurch.

Manchmal hält der Volvo vor einem alten Haus, die Pfingstrosen blühen noch links und rechts der Schwelle, doch ein Fenster ist eingeschlagen, und der Fotograf murmelt: "Zu spät." Er erkennt schneller als Marija, welche Häuser verlassen sind: am Gras in der Auffahrt, an verwelkten Blumen hinter der Gardine, am Vorhängeschloss vor der Tür.

Und er weiß, welche Zeichen auf neue Bewohner hindeuten, auf Stadtleute oder Familien mit Kindern: Spielzeug im Vorgarten, niedliche Marienkäfer aus Ton, Blumen, in deren Pflege jemand zu viel Zeit gesteckt hat. Laute Musik. Neue Fensterrahmen aus Kunststoff, Dichtungsschaum, der aus den Ritzen quillt.

Solche Häuser muss Teunissen gar nicht betreten, er weiß, dass sie renoviert wurden. Er gönnt den Bewohnern ihre Bequemlichkeit, doch was er sucht, haben diese Häuser verloren.

Er würde Heizkörper darin finden und eine Schrankwand aus dem Möbelhaus. Deshalb beschleunigt er, wann immer er neue Fenster sieht.

 

Und auch wenn er ein gutes Haus gefunden hat, steht seine Kamera noch längst nicht in der Küche. Dann läuft er fremde Wege hinauf, klopft an fremde Türen, und die Wachhunde sind noch das kleinste Hindernis zwischen ihm und seinem Foto.

Teunissen weiß nicht, wie viele ihn schon verbellt haben, in Ungarn, in Portugal, in Frankreich, in Serbien. Beruhigend spricht er dann zu kleinen Kläffern und zu den großen, wolfsähnlichen Geschöpfen, die sich in ihre Kette hängen, als wollten sie ihn zerfleischen. Und die dann, wenn der Fremde mit ihrem Herrn spricht, auf einmal schmusen wollen und Pfötchen geben.

Den Mann, den er aus dem Mittagsschlaf klopft, die Frau, die aus dem Garten kommt, muss in Estland erst mal Marija überzeugen. Teunissen grüßt, er lächelt, während seine Assistentin ihr Sprüchlein aufsagt von dem Mann, der aus den Niederlanden gekommen ist, um alte Häuser zu fotografieren.

Manche führen bereitwillig ums Haus herum, aber hinein? Auf keinen Fall! Andere zieren sich, die Küche könne er fotografieren, aber sie selbst mit auf dem Bild? In der alten Schürze?

Bert Teunissen weiß, wann eine Schlacht verloren ist. Er sieht es im Gesicht. Und während Marija noch weiterredet, wendet er sich dann schon ab, plötzlich kühl, wie ein enttäuschter Liebhaber. Dann will er nur weiter.

Doch selbst wenn Marija Erfolg hat, bleibt ihm der Zugang manchmal verwehrt. Dann wird das Haus von Wesen verteidigt, die Teunissen mehr fürchtet als die Kettenhunde: von resoluten Ehefrauen, die ihre allzu gutmütigen Männer ausschimpfen. Oder von erwachsenen Söhnen, die gerannt kommen, ihre alten Väter schelten und die Fremden wieder zu ihrem Auto zurückdrängen. Teunissen versteht sie, sie sagen in allen Sprachen dasselbe: wildfremde Fotografen? In unserem Haus? Hast du den Verstand verloren?

Teunissen versteht das. Schließlich, sagt er, sei es die drittpersönlichste Sache, die man einem Menschen abverlangen könne, sein Heim zu betreten. Fast so intim, wie wenn jemand seine Seele öffnet oder seinen Körper berühren lässt.

Und trotzdem. Immer wieder erlauben Menschen Bert Teunissen, seinen schweren Koffer über die Schwelle zu schleppen.

Er betritt ein Häuschen, das ein alleinstehender Mann mit jener Disziplin sauber hält, die er in der sowjetischen Armee gelernt hat. Er kommt in eine schmutzige Küche, in der es hinter der Tapete knistert vor Schaben. Er trifft Frauen, die sich schnell ihre beste Bluse anziehen, und Männer, die sich in fleckiger Jogginghose ablichten lassen. Auf dem Herd steht mal das Mittagessen, mal ein Kochtopf mit Unterhosen.

Manchmal muss der Hund mit aufs Foto, selten ist ein Kind im Haus. Er trifft Schicksalsgemeinschaften aus Überlebenden: einen Mann und seine erwachsene Stieftochter; eine Witwe und ihre Töchter; eine Frau, die eine Hälfte ihrer Kate für den verarmten Nachbarn abgeteilt hat. Er fotografiert den Ingenieur, der seit der Schließung der Fabrik an den Autowracks in seinem Garten herumschraubt. Und den Mann, dessen Frau nicht mit aufs Bild will, weil er betrunken ist. Meistens läuft ein Fernsehgerät.

 

Der Fotograf schwärmt von Portugal, wo fast niemand ihn abwies, und wo zu jedem Foto auch ein Schnaps gehörte. Er hat stocktaube bayerische Bauern herumgekriegt und misstrauische Kosovo-Albaner. Er hat die Stolperfallen der jüngsten europäischen Geschichte umgangen und in Bosnien-Herzegowina und im Kosovo fotografiert. Er weiß, wie er seine Ausrüstung unbeschadet an den Zöllnern auf dem Balkan vorbeiargumentiert.

Nur in Thüringen hat niemand ihn hereingelassen.

Im Baltikum hat er zum ersten Mal sein Buch "Domestic Landscapes" dabei, in dem er Bilder aus den ersten zehn von ihm für das Projekt bereisten Ländern veröffentlicht hat. Doch die meisten Menschen blättern nur höflich darin. Einzig Marie Valdson und Salme Hein sitzen nebeneinander vor dem Haus wie zwei Mädchen auf der Schulbank und fahren mit dem Zeigefinger über die Fotos. Da posieren alte Frauen in weiß getünchten portugiesischen Küchen, an blitzsauberen flämischen Kaffeetischen, an Feuerstellen in Spanien.

Murmelnd kommentieren die Estinnen die Jagdtrophäen an der Wand hinter einem Deutschen, Dutzende Rehschädel.

Doch auffälliger als die Unterschiede sind die Gemeinsamkeiten dieser Europäer. Die Wachstuchtischdecken. Die Kalender an der Wand, mal mit religiösen Motiven, mal mit Blumen, meistens ein Werbegeschenk der örtlichen Bank.

Als Teunissens Fotos einen New Yorker Kritiker an Vermeer erinnerten, ärgerte sich der Fotograf. Einfallslos fand er den Vergleich zweier Niederländer. Inzwischen aber sieht er selbst die Ähnlichkeiten zwischen seinen Bildern und denen des niederländischen Barock. Niemals benutzt er Kunstlicht - und erreicht damit, dass der Betrachter bei einer Frau im Haushaltskittel an das "Mädchen mit der Perle" denkt.

 

Es war immer das Licht, nach dem er gesucht hat. Das Licht einer Zeit, in der er noch keine Ahnung hatte, dass er einmal Fotograf werden würde. Zwar kaufte er sich als Jugendlicher vom Lohn seines ersten Sommerjobs eine Kodak Instamatic.

Aber er musste erst zwei Studiengänge abbrechen, bevor er Fotografie zu seinem Beruf machte: mit Modestrecken und Hochglanzanzeigen. Er war, sagt er, einer der Idioten in der Tretmühle.

Dann wagte er den Sprung, er sagte seinem wichtigsten Kunden ab und steckte die Zeit in persönliche Projekte. Vor allem in die Suche nach dem verlorenen Licht von Großvater Alberts Haus in Ruurlo. Über seine Reise durch Europa sagt er: "Das Projekt hat mich zum glücklichen Menschen gemacht."

Ist Domestic Landscapes ein Selbsterfahrungstrip? Oder Kunst? Eine Reportage? Nein, nein und nein, sagt Bert Teunissen.

Es ist ein Archiv. Er schätzt, dass 80 Prozent der Häuser, die er fotografiert hat, bereits abgerissen sind. Er will wenigstens die Erinnerung bewahren.

Deshalb ist es auch nicht schlimm, dass Marie Valdson ein wenig verschwommen sein wird auf dem Foto. Nicht zu verhindern bei einer Belichtungszeit von 40 Sekunden. Schließlich macht Teunissen keine Porträts. Die Menschen in seinen Bildern schenken den Räumen Leben. Aber man muss sie nicht erkennen können.

Bert Teunissen bleibt selten länger als eine Viertelstunde.

Er klappt das Stativ zusammen, stopft ein schwarzes Tuch um seine Kamera im Koffer, klebt die Polaroid-Aufnahme in sein Notizbuch und schreibt Datum und Uhrzeit daneben:

Tasa Talu #1. Dann bedankt er sich bei Marie Valdson und steigt ins Auto. An diesem Tag hält er vor 19 Häusern an. Viermal antwortet niemand auf sein Klopfen. Elfmal wird er abgewiesen.

Er macht vier Fotos.

Im Herbst wird der Postbote einen weißen DIN-A4- Umschlag nach Tasa Talu bringen. Darin ist ein Brief, in dem Teunissen, auf Estnisch, noch einmal sein Projekt erklärt. Und ein Farbfoto. Darauf sitzt Marie Valdson in ihrer Küche, eine Hand auf der Schürze, eine Hand am Herd, das Gesicht leicht unscharf. Daheim.

 

GEO, 5/2011

 

Foto: Bert Teunissen

 

 

Copyright @ All Rights Reserved